
Moj Michael
In seinem fesselnden Roman „Mein Michael“ erzeugt Amos Oz, einer der bedeutendsten zeitgenössischen israelischen Schriftsteller, eine gewisse Spannung zwischen den Nicht-Ereignissen in der Außenwelt und der Verwüstung im Innenleben seiner Hauptfigur Hanna
Genauer gesagt, die ermüdende Identität der Realität und Hannahs vielschichtigem Inneren. Sie fragt sich, ob es möglich ist, dass alle außer ihr sich mit Zeit, Ehrgeiz, Opferbereitschaft und dem sogenannten Fortschritt auseinandergesetzt haben. Da ihre Realität gänzlich von Leere beherrscht wird, flüchtet sie sich in eine Welt der Fantasie und unterdrückter Sehnsüchte. In ihren Träumen wird sie zur allmächtigen Prinzessin, umgeben von ihren ergebenen Untertanen. Im Wachzustand jedoch ist sie eine lebende Chronik erdrückender und ohrenbetäubender Stille, furchtbarer Qualen und unerträglicher Leere. Oz zeichnet in seiner Schilderung von Hannahs Leben ein Jerusalem jenseits der üblichen Touristenpostkarten – ein Jerusalem des Leids, des immensen weiblichen Schmerzes und der düsteren Realität. Er tut dies mit solch lyrischer Intensität und Spannung, dass die Seiten, die man umblättert, beinahe dramatisch wirken. Die Andeutungskraft dieses jüdischen Familiendramas ist selbst in seiner europäischen (kroatischen) Fassung verstörend. Gefangen in unseren Träumen, gefangen in Vorstellungen von Realität und kanonisierten Mann-Frau-Beziehungen, durchleben wir erschreckende Wiederholungen, Gewohnheiten und einen schleichenden Tod unserer Sinne. Und die Kraft der Liebe stirbt in uns, während wir noch leben.
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